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„Leute, räumt Euer Leben auf!“ – Reaktionen von BesucherInnen auf die Ausstellung „Wo Dinge wohnen. Das Phänomen Selfstorage“ im Wien Museum MUSA (14.2. – 7.4.2019)

10. April 2019
Peter Stuiber
Wohnen & Leben
Dinge & Lagern

Rezensionen in Medien sind das schnellste Feedback von außen, das ein Museum auf eine neue Ausstellung erhält. Insofern ist die Spannung groß, wenn die ersten Besprechungen online gestellt werden oder man am Tag nach der Eröffnung die Zeitungen aufschlägt. Doch ein ebenso aufschlussreicher Moment für KuratorInnen ist der erste Blick ins Besucherbuch, das in der Ausstellung aufliegt. Am besten, man lässt sich dafür ein paar Wochen Zeit, denn erst dann findet sich die ganze Bandbreite an Kommentaren aus den unterschiedlichsten Perspektiven, vom „Premierenpublikum“ über Schulklassen bis hin zu Touristen und Touristinnen.  

Auch das Besucherbuch zur Ausstellung „Wo Dinge wohnen. Das Phänomen Selfstorage“ erweist sich als überaus aufschlussreich. Zur Idee zur Ausstellung und deren kuratorischer/gestalterischer Umsetzung äußern sich die Einträge fast ausschließlich positiv; immer wieder liest man den Kommentar, dass sich die BesucherInnen von einem „Randthema“ nicht so viele spannende Erkenntnisse erwartet hätten. Damit verbunden ist eine – für Brancheninsider womöglich banale – Feststellung: Wie wir mit Dingen umgehen und wie wir diese verstauen, geht uns alle an (auch jene, die keine Selfstorage-KundInnen sind). 

Das ist auch ein zentraler Grund, warum die Ausstellung Anlass zu intensiven Gesprächen gibt, und zwar sowohl während des Museumsbesuchs selbst als auch danach. So nach dem Motto: Sag mir, wie Du mit Dingen umgehst, und ich sag Dir, wer Du bist.

Freilich gibt es auch Kritik am Phänomen Selfstorage. Und zwar weniger am Geschäftsmodell Selfstorage selbst als vielmehr daran, dass aus Sicht der BesucherInnen die Menschen prinzipiell zu viel konsumieren und zu viele Dinge horten. „Es ist eine deprimierende Angelegenheit, aber eine museumstechnisch ausgezeichnet gemachte Ausstellung“, lautet etwa ein Eintrag. Manche Kommentare sind durchaus selbstkritisch („Auch ich kann nichts wegwerfen…“), andere wiederum fordern ihre LeserInnen dazu auf, endlich Tabula rasa zu machen: „Leute, räumt Euer Leben auf! Hängt nicht an Erinnerungen! Entrümpelt!“. Was für BesucherInnen ganz offensichtlich zu sein scheint: Dass es eine Verbindung zwischen dem Ordnen von Dingen bzw. dem sich befreien von Dingen und der inneren Verfassung gibt, in der sich jemand befindet. Also ganz so, wie diverse Lifestyle-Influencer dies predigen: Weniger ist mehr. Mehr Platz, mehr Luft zum Atmen, mehr Zeit fürs Wesentliche.

 

Hinweise auf dieses Bedürfnis gibt nicht nur das Besucherbuch, sondern auch eine interaktive Ausstellungsstation, in der die BesucherInnen gefragt wurden: „Wofür brauchen Sie mehr Platz?“. Das Publikum konnte dort auf kleinen Kartonboxen Antworten, Vorschläge und Wünsche deponieren. Hunderte solcher beschrifteter und bemalter Schachteln geben nach Ausstellungsende einen guten Überblick, wofür es mehr Platz in der Stadt bräuchte. Zunächst natürlich für alle möglichen Alltagsdinge: Also „Meine Lucky Luke-Sammlung“, „Alte Fahrräder aus den 50er Jahren von meinem Papa“, „324 Paar Schuhe“, „Dunkelkammereinrichtung“, „Pokale & Medaillen“, „1000 Bücher (dringend!)“, „5000 Dias, 1 Karton Negative“, „Ordner voller ausgedruckter Texte“, „Dinge unserer sechs Kinder aus ihren Kindertagen“ oder „Marmeladegläser“. Doch fast ein Viertel wünscht sich mehr Platz für Immaterielles: „Creativity“, „Träume“, „Mein altes Leben“, „Kummer“, „Phantasie“, „Alles Alte“, „mich selbst“ und (natürlich!) „Love“. Der Befund ist eindeutig: Was uns heute auch fehlt, ist Raum jeglicher Art – und Zeit, Dinge zu tun (statt Dinge „nur“ zu besitzen). Und plötzlich geht es in einer Selfstorage-Ausstellung um Freiheit und Lebensentwürfe. Vom Materiellen befreit, wird das Thema luftig. Ohne deshalb an Bodenhaftung zu verlieren.

Copyright Headerbild und Slideshow: Peter Kainz/Wien Museum

Peter Stuiber

Peter Stuiber ist Leiter Publikationen und Digitales Museum im Wien Museum MUSA. Gemeinsam mit Martina Nußbaumer hat er die Ausstellung „Wo Dinge wohnen. Das Phänomen Selfstorage“ kuratiert.

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