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Schlussnotizen - oder Plädoyer für den bewussten Umgang mit Dingen

25. Juni 2012
Annelie Knust
Wohnen & Leben
Dinge & Lagern
Wissenschaftliche Arbeiten

Die schlussendliche Konzentration meiner Magisterarbeit auf das in Deutschland noch junge Phänomen 'Self Storage' ergab sich aus dem reichhaltigen Themenspektrum, das mir die Interviews mit meinen Interviewpartnern lieferten. Dieser Materialfülle Herr zu werden, glich dem Bedürfnis meiner Gesprächspartner, sich durch ihre Lagerräume geordnete und damit auch kontrollierte (Lebens-) Verhältnisse zu schaffen, um den Überblick über die angesammelte 'Materialfülle' zu wahren.

Heute erscheint alles möglich und erreichbar. Wenn von „Multioptionsgesellschaft“1 die Rede ist, der Begriff hat die Feuilletons der Zeitungen längst verlassen, liegen Chancen aber auch Risiken eng beieinander. Wir stehen stets vor der Herausforderung, uns in den oft als komplex und damit als unübersichtlich empfundenen Strukturen unserer (Um-)Welt zurechtzufinden und Strategien zu entwickeln, nicht nur unser Leben zu organisieren, sondern auch unseren Platz zu finden. Stets müssen wir darüber entscheiden, beziehungsweise uns im Klaren darüber sein, welche Wege, Orte, Dinge und Menschen Teil unseres Lebens werden oder nicht. Die Suche nach der Ordnung, so formuliert es Christel Köhle-Hezinger in ihrem Essay über „Das Schöne in der Ordnung“, ist die Suche nach Sinn, Regeln und Ressourcen.2 In diesem Sinne ist unter Ordnung weit mehr als ein 'intersubjektives Regelsystem' zu verstehen, das zum einen uns das Auskennen im Raum erleichtert, denn eine geordnete Umwelt ist die Voraussetzung, damit die Dinge auch greifbar sind, und das zum anderen zu eben jener Strukturhilfe avanciert, die uns dabei zu entscheiden hilft, was wertvoll oder wertlos ist und daher aus der Ordnung ausscheiden kann, denn „[...] Schmutz ist das Nebenprodukt eines systematischen Ordnens und Klassifizierens von Sachen, und zwar deshalb, weil Ordnen das Verwerfen ungeeigneter Elemente einschließt“3. Wie schon das Sprichwort „Ordnung ist das halbe Leben“ andeutet, schafft sie uns geistige wie physische Freiräume für die 'andere Hälfte' des Lebens. Dinge sind uns dabei längst nicht mehr nur Stütze als vielmehr zur hinderlichen Last geraten.

Darin liegt ein Grund, weshalb sich meine Interviewpartner für eine Self Storage Miet-Box entschieden haben.

Self Storage ist ein Angebot, sich übersichtliche Verhältnisse bez. Strukturen zu schaffen, die nicht nur das Handhaben der Dinge, sondern auch das Leben erleichtern. Trotz des Wunsches, möglichst leicht, unbeschwert und ungebunden leben zu können, sind meinen Interviewpartnern viele Dinge „zu schade zum Wegwerfen“, weshalb sie Strategien entwickelt haben, gerade wegen der von ihnen gerne angesammelten Materialfülle, ohne Einschränkungen das leichte Leben führen zu können. Anderseits ist Self Storage auch eine Methode, sich die Dinge wieder aus dem Bewusstsein zu schaffen und aus dem Nahbereich zu entfernen. In diesem Fall trägt die Möglichkeit, die Dinge auslagern zu können, dazu bei, den bewussten Umgang mit ihnen zu vermeiden.

Längst schon hat sich die Wohnwelt meiner Interviewpartner über die Wohnungsschwelle hinausbegeben und sich Räume zu Eigen gemacht, die klassischerweise nicht der 'privaten' Lebenswelt zugehörig sind – wie der auf Zeit angemietete Lagerraum bei einer Self Storage Firma. Gerade die alltägliche Umgangsweise der Menschen mit den Dingen und ihre ganz individuellen Speicherkonzepte finden sich in der Wissenschaft bisher unterrepräsentiert wieder, da meist staatliche Stätten wie Museen, Archive, etc. im Zentrum stehen oder besondere hervorstechende Phänomene wie 'Messies' untersucht werden. Außerdem gibt es bereits Studien, die sich mit der Wohnung als exklusivem Ort der Aufbewahrung beschäftigt haben, aber andere wichtige, abseits liegende Orte zur Aufbewahrung tauchen darin nur als Nebenschauplätze auf. Deshalb habe ich die relativ neue und bisher im wissenschaftlichen Diskurs noch unbeachtete Einlagerungsform bei SelfStorage zum Hauptthema erklärt. Daher freue ich mich, mit meiner Magisterarbeit4 Menschen unterschiedlichen Geschlechts, Alter und Beruf, wie ich sie unter den Self Storage Kunden antraf, vereinen zu können. Die ganz individuellen und alltäglichen Strategien habe ich versucht, ausschnitthaft hier darzustellen und die Arbeit in einzelnen, kurzen Ergebniskategorien zu gliedern, um die Verschachtelungen, die unsere Lebenswelt bereithält, etwas durchsichtiger zu machen.

Zum Abschluss bleibt mir noch festzuhalten, dass ich natürlich gefragt wurde, was dabei helfen könnte, sich schließlich doch zu trennen, auch wenn die Dinge zum Wegwerfen zu schade seien. Darauf lässt sich antworten, dass die Schärfung des eigenen Bewusstseins unumgänglich und unabdingbar ist. Das ist die Voraussetzung bedachtsam und besonnen mit seinen Dingen umzugehen.

 

1 Wettstein 2005, S. 136f

2 Vgl. Christel Köhle-Hezinger: Das Schöne in der Ordnung. Oder: Neue Ordnung, neue Fragen? In: Silke Göttsch/Christel Köhle-Hezinger[Hg.]: Komplexe Welt. Kulturelle Ordnungssysteme als Orientierung. Münster 2003, S. 65-79, S. 69

3 Mary Douglas: Reinheit und Gefährdung. Eine Studie zu Vorstellungen von Verunreinigung und Tabu (Original: Purity and Danger. An analysis of concepts of pollution and taboo. London 1966). Frankfurt/Main 1988, S.52f

4 Knust 2011

Annelie Knust

Annelie Knust studierte Empirische Kulturwissenschaft, Erziehungswissenschaft und Kunstgeschichte auf Magister an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Ihre Abschlussarbeit "Zum Wegwerfen zu schade?" im Fach Empirische Kulturwissenschaft am Ludwig-Uhland-Institut handelt von Menschen, ihren Dingen und ihren Erfahrungen mit deren Speicherung bzw. Einlagerung bei „Self Storage–Firmen“ (Selbstlagerzentren). Seit April 2013 arbeitet Annelie Knust als Assistenz im Museum "Fondation Beyeler" in Basel.

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